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Transfer sub specie coronae

Transfer sub specie corona

Wie überlebt ein universitäres Praxisprojekt unter Bedingungen des Wegfalls von Anwesenheit?

Am 19. März sollte es eigentlich losgehen: Projektvorstellung an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) in Konstanz. Wie anderenorts auch ist das Semester der Hoch-schulen für angewandte Wissenschaft ter-minlich nicht deckungsgleich mit dem der Universität: in Konstanz liegen vier Wochen dazwischen. Und doch hatten wir auch diese Hürde gemeistert, einen Plan geschmiedet und wieder einmal die Brecht‘sche Mahnung, dass der Mensch zum Plänemachen nun einmal „nicht schlau genug“ sei, ignoriert.Das Projekt und die Kooperationspartner*innenWir: das sind die Projektpartner zur Umge-staltung des Tettnanger Stadtmuseums, fünf an der Zahl. Da ist zunächst das Stadtmuseum Tettnang und sein Leiter, der Tettnanger Stadtarchivar Florian Schneider, seit 2017 im Amt. Er folgte im Oktober 2018 gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Claudia Kowiss dem Aufruf des Teams Transfer Lehre der Univer-sität Konstanz zu einem Vernetzungstreffen Wie überlebt ein universitäres Praxisprojekt unter Bedingungen des Wegfalls von Anwesenheit?zwischen den Hochschulen der Stadt Kon-stanz und den Museen des Bodenseeraums. 35 Museen waren bei diesem Treffen vertre-ten und Florian Schneider antwortete auf die Frage, was er denn brauche, schlicht „Alles“.Ich vernahm diesen Ruf und nahm ihn, nach erfolglosen Versuchen, einen anderen Lehren-den für das Projekt der Neugestaltung der Dauerausstellung des Museums zu gewinnen, auch an. Zu sehr hatte mich bei meinem ersten Besuch in Tettnang diese Rumpelkammer, die 1961 auf Initiative des Stadtarchivars Alex Frick und der wesentlichen Grundlage der pri-vaten Sammlung des ortsansässigen Bäckers Josef Reck, eröffnet wurde, gereizt.1997 – anlässlich des 700. Jahrestags Verleihung des Stadtrechts an Tettnang1 – war das Torschloss, in dem das Museum genauso wie das Stadtarchiv untergebracht sind, vollstän-dig renoviert, die Ausstellung neu organi-siert worden. Damals hieß das Museum noch „Montfort-Museum“, benannt nach jenem Grafengeschlecht, das zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert Tettnang regiert und die Stadtentwicklung maßgeblich gestaltet, ja, überhaupt erst initiiert hatte. Zur Umbenen-nung gab es einen guten Grund: nach mehr-jährigen Renovierungsarbeiten durch das Land Baden-Württemberg wurde 2018 das barocke, sogenannte ‚Neue‘ Schloss wieder eröffnet. Als drittes schließt es die Reihe der Schlösser auf der nur 260 Meter langen Montfortstraße in Tettnang ab: zwischen Torschloss und Neu-em Schloss befindet sich noch der schlichte Renaissancebau des ‚Alten‘ Schlosses, das heu-tige Rathaus. Das ‚Neue‘ Schloss wurde vom Baumeister Christoph Gessinger dem Innen-hof des Versailler Schlosses nachempfunden, 1722 erstmals bezogen, 1728 halbfertig abge-brochen; 1753 brannte es ab, um in der Folge noch prächtiger wieder aufgebaut zu werden. Zurecht gilt es heute als Prunkstück des südwestdeutschen Barocks: Stukkaturen von Joseph Anton Feuchtmayr, Fresken von An-ton Brugger, Gemälde von Vater und Tochter Kauffmann. Die Ausstellung im ersten Stock des Neuen Schlosses widmet sich naheliegen-derweise der Geschichte der Montforter Grafen. Und wiewohl die Tettnanger Stadt-geschichte ohne die Grafen Montfort nicht zu schreiben ist, sind zwei, den Montforter gewidmete Museen dann wohl doch eines zuviel. Also ei-n i g t e man sich auf die Formel einer Geschichte von oben und unten, der Geschichte der Herrscher und der der Bürgerinnen und Bürger, zu sehen in zwei Museen.Allerdings war mit der Umbenennung besten-falls der erste Schritt getan – die Ausstellung kann dieses Versprechen nicht einlösen.2 In buntem Sammelsurium enthält sie, was Stadt-museen so enthalten: einen Mammutzahn und ein Eisenbahnmodell, Ölgemälde, Zeichnun-gen und Stiche, oft in schlechtem Zustand, unklar in der Herkunft und oftmals auch im dargestellten Gegenstand – was etwa macht dieser Indianer dort, der suchend von sei-nem Pferd wohl kaum in die Tettnanger End-moränenlandschaft blickt? Votivgaben und sakrale Gerätschaften, Hinterlassenschaften des Klosters Langnau. Eine Büste des expres-sionistischen Dichters Arnold Ulitz, der sich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Tettnang niederließ. Eine Puppenstube und ein Aschenbecher für die Zigarren der Mit-glieder des Tettnanger Gemeinderats.Schon dieser kursorische Überblick zeigt: aus diesen Artefakten eine konsistente Geschichte zu konstruieren, verlangt ein hohes Maß an Chuzpe. Aber mindestens eines erzählerischen Anlasses bedarf so ein Unterfangen dann doch. Und den fand ich in meinem ersten Besuch: die Montforter Grafen konnten nie so recht mit Geld umgehen, spätes-tens im 16. Jahrhundert, unter Ulrich IX., dessen prunkvolle Kunstkam-mer noch heute in Wien zu bewun-dern ist, waren die gräflichen Finan-zen wohl unrettbar ruiniert. Und so etwas wie eine ‚schwarze Null‘ war de-finitiv kein Ziel gräflicher Finanzpoli-tik. Stattdessen nutzte man schon früh das Münzrecht und übte sich – wie ja viele andere auch – in der Herstellung minderwertiger Münzen. Die Mont-forter Grafen brachten diese Kunst auf einen einsamen Höhepunkt: unter dem barocken Herrscher Anton III. von Montfort wurden etwa sechzig Millionen Kreuzer in nur sieben Jahren ge-prägt. Die Montforter Münze in Langenargen stand keinen Tag mehr still: „zusammen mit den in den vorausgegangenen 25 Jahren pro-duzierten Mengen dieser Münzsorte“ brach-ten sie „den Zahlungsverkehr in ganz Süd-deutschland zum Erliegen“3. Den Konstanzer Ratsschilling ließ Anton III. auch – vielleicht auch daraufhin, um wieder um ein wertvolles Zahlungsmittel zu verfügen – fälschen. Das ist doch eine Geschichte, aus der man was machen kann! Ein echter Hollywoodstoff: ein raffinierter Verschwender, der die Wirtschaft aus Prunksucht ruiniert und dabei noch den Ast absägt, auf dem er sitzt.4 Das klingt auch allzu vertraut: die Herrschaft haut die Kohle raus und wir dürfen die Zeche zahlen. Erin-nerungen an den Finanzskandal von 2008 werden wach… Abstrakter formuliert handelt es sich um eine Geschichte von „Schuld und Schulden“. Und, so gewendet, lassen sich dann doch viele im Museum befindliche Objekte thematisch binden: Schuldnerketten, Notgeld, das Sparbuch der vom letzten Grafen, Anton IV., ins Leben gerufenen Armenstiftung, ein Schrank der Bäckerinnung von 1925, in dessen Innenseite dem Herrgott für die Bewahrung vor den schädlichen Folgen der Inflation von 1923 gedankt wird.5So kann man arbeiten: das Mu-seum ist dabei, die Stadt Tett-nang engagiert sich ebenfalls, die inhaltliche Arbeit kann ich mit Studierenden der Universität machen, für die gestalterische Arbeit wird Karin Kaiser, Professorin für Kommunikationsdesign an der HTWG, die dritte im Bunde, gewonnen. Ein Seminar an der Universität im Wintersemester 2019/20 soll die inhaltliche Vorbereitung leisten, im Fol-gesemester dann die praktische Arbeit als Ko-operation zwischen Universität und HTWG erbracht werden. Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung wird für September 2020 ge-plant: ambitioniert, aber machbar. Außerdem werden – Partner vier und fünf – beide Hoch-schultheater gewonnen, die als Parallelaktion Shakespeares um Schuld und Schulden sich drehendes Drama „Der Kaufmann von Vene-dig“ in Tettnang und Konstanz aufführen wollen. Es finden sich dann, das sei nur noch fix am Rande vermerkt, das philharmonische Quartett der Südwestdeutschen Philharmonie und das Tettnanger Harfenorchester als Mit-wirkende bei der Shakespeare-Inszenierung. All in all also: ein wirklich großes Projekt mit viel Potential. Ich lasse im Maßstab 1:20 Holz-modelle der Räumlichkeiten des Museums bauen. Damit sol-len die Studierenden dann in gemischten Arbeits gruppen je einen Raum des Museums gestal ten. Sogar eine Möglichkeit,jeder Gruppe einen eigenen Arbeitsraum, in dem von Woche zu Woche einfach alles stehen und liegen bleiben kann, zu sichern, wird – freilich außerhalb der Seminarräume der beteiligten Hochschulen – gefunden. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Durch-führung des Projektes könnten besser nicht sein. Und dann das…KrisensitzungAnfang März mehren sich die Anzeichen, dass es wohl Einschränkungen im kommenden Se-mester geben wird. In einer Krisensitzung zie-hen wir die Notbremse – noch ist zwar nicht klar, dass das Semester insgesamt zum virtuel-len werden wird und der Campus zur No-go-Area, aber die Unabsehbarkeit selbst absehba-rer Einschränkungen, die schiere Unsicherheit und Unplanbarkeit aller Vorhaben über den Tag hinaus sind so mas-siv, dass w i r seriöserweise das Projekt nicht angehen kön-nen. Während am Museum – im Hinterland – noch relativ erwartungsfroh agiert wird, schließt im grenznahen Konstanz die Univer-sität – als erste in Deutschland! – vollständig ihre Tore und lässt die Eingänge durch einen Sicherheitsdienst bewachen. Die Lage an der im Vergleich zur lokalen Universität deutlich kleineren HTWG bleibt etwas länger unsicher. Die Hochschultheater sind ohnehin abhängige Einrichtungen der jeweiligen Hochschule.Allein die verschiedenen Handlungslogiken der Partner setzen das erste Gebot jedes Trans-ferprojektes in der Lehre außer Kraft, das man mit drei Schlagworten umreißen könnte: Er-wartungssicherheit, Planbarkeit, Verbindlich-keit. So blieb zunächst ein „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“. Die Projektvorstellung an der HTWG am 19. März fällt aus, kurz darauf ist klar: beide Hochschulen werden geschlos-sen. Wie und ob das Semester stattfinden soll, bleibt unklar. Eine bundesweite Petition wirbt für ein ‚Null-Semester‘ mit dem Hauptziel, Erleichterungen für diejenigen zu schaf-fen, die ein Distanzstudium unter ver-schärften Bedingungen – sei es aus familiären oder ökonomischen oder, auch das sei mal gesagt, schlicht technischen Gründen – einfach nicht leisten können.6 Dass diese Petition keine Chance hat, ist eigentlich schnell klar. Zu unbeirrbar ist die Leistungs-fixierung des deutschen Bil-dungssystems, als dass es, was jede Lerntheorie von den Dächern pfeift, auf sich selbst anzuwenden in der Lage wäre: hin und wie der mal eine Pause machen.An die Stelle eines groß an-gelegten Kooperationspro-|Albert Kümmel-Schnur32ZEITARBEITjek tes mit ho-hem Praxisbe-zug und großen Trans-ferangeboten traten nun also die Anforderung eines Lernens in Distanz und Homeoffice. Das bedeutet ja nicht nur das Entfallen des direk-ten Umgangs mit dem externen Partner sowie der großzügigen medialen Erweiterung akad-emischer Schreibtischtätigkeit durch andere Aktivitäten, es bedeutet nicht nur den Weg-fall einer unmittelbaren Beziehung zwischen Lehrendem und Lernenden, sondern auch der Begegnung der Lernenden untereinander. Für gewöhnlich bedeutet der Beginn eines Semesters auch die Kon-stitution einer Gruppe, die nun vier Monate lang gemeinsam arbeiten soll. Und selbst wenn man auch Kleingruppenarbeit in der Distanz für möglich und denk-bar hält, so findet sich unter not-gedrungen anderen Bedingungen statt, wenn die potentiellen Gruppen-mitglieder sich nicht einmal für ein einzelnes Kick-off-Meeting persönlich face-to-face be-gegnen dürfen. Das Mehrangebot wechsel-seitiger Sichtbarkeit in der Videokonferenz ist trügerisch: bedeutet es ja gerade nicht eine Berei cherung kommunikativer Kanäle, sondern das visuelle Überspielen einer extremen Verarmung. Unsere erlernte Fixierung auf den Sehsinn simuliert einen ausreichenden Kontakt, sobald man wechselseitig füreinander im Bild ist oder, wie es bei Captain Kirk heißen würde „auf dem Schirm“. Tatsächlich aber können die Spannungen, Inten-sitäten und atmosphärischen Gefühlsvek-toren, die ganz selbstverständlich die Räume persönlicher Begegnung und Kom-munikation wesentlich prägen, im Virtuellen gar nicht entstehen.Was also bleibt? Der hohle Schall monadischer Singularitäten? Oder öffnen sich auch uner-wartete Möglichkeiten?Auf ins Virtuelle 1: Die TheorieKeine Sorge, aber auch nicht zu früh gefreut: wie alle Formen menschlicher Kommunika-tion, so ist auch die digitale Lehre weder so richtig Fisch noch Fleisch, wenn sie etwas er-setzen muss, was sie kat‘exochen nicht ersetzen kann. In diesem Fall: den persönlichen Um-gang Anwesender. Und das, was ich zu sagen habe, sind keine abschließenden Bewertungen aus kühler Distanz, sondern ein Werkstattbe-

|Albert Kümmel-Schnur26ZEITARBEITÖffnungszeiten:April bis OktoberDienstag bis Sonntag14 bis 18 Uhr (letzter Einlass 17.30 Uhr)DauerausstellungEintritt: € 3,-stadtmuseum TETTNANGMontfortstraße 43 | 88069 Tettnangin Zusammenarbeit mitstadtmuseumstadtmuseum TETTNANGVON MORALISCHEN FESSELN UND SOZIALEN BÄNDERN: Die Dauerausstellung des Stadtmuseums TettnangVon der in Tettnang ansässigen Graphikerin Britta Nickel (https://www.nickel-gestaltung.de/) auf Basis eines Tett-nanger Notgeldscheins aus dem Jahr 1918 entworfenes Poster für die neue Dauerausstellung.Albert Kümmel-SchnurTransfer sub specie coronaeTransfer sub specie coronae|27Ausgabe 2/2020Am 19. März sollte es eigentlich los-gehen: Projektvorstellung an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) in Konstanz. Wie anderenorts auch ist das Semester der Hoch-schulen für angewandte Wissenschaft ter-minlich nicht deckungsgleich mit dem der Universität: in Konstanz liegen vier Wochen dazwischen. Und doch hatten wir auch diese Hürde gemeistert, einen Plan geschmiedet und wieder einmal die Brecht‘sche Mahnung, dass der Mensch zum Plänemachen nun einmal „nicht schlau genug“ sei, ignoriert.Das Projekt und die Kooperationspartner*innenWir: das sind die Projektpartner zur Umge-staltung des Tettnanger Stadtmuseums, fünf an der Zahl. Da ist zunächst das Stadtmuse-um Tettnang und sein Leiter, der Tettnanger Stadtarchivar Florian Schneider, seit 2017 im Amt. Er folgte im Oktober 2018 gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Claudia Kowiss dem Aufruf des Teams Transfer Lehre der Univer-sität Konstanz zu einem Vernetzungstreffen Wie überlebt ein universitäres Praxisprojekt unter Bedingungen des Wegfalls von Anwesenheit?zwischen den Hochschulen der Stadt Kon-stanz und den Museen des Bodenseeraums. 35 Museen waren bei diesem Treffen vertre-ten und Florian Schneider antwortete auf die Frage, was er denn brauche, schlicht „Alles“.Ich vernahm diesen Ruf und nahm ihn, nach erfolglosen Versuchen, einen anderen Lehren-den für das Projekt der Neugestaltung der Dauerausstellung des Museums zu gewinnen, auch an. Zu sehr hatte mich bei meinem ersten Besuch in Tettnang diese Rumpelkammer, die 1961 auf Initiative des Stadtarchivars Alex Frick und der wesentlichen Grundlage der pri-vaten Sammlung des ortsansässigen Bäckers Josef Reck, eröffnet wurde, gereizt.1997 – anlässlich des 700. Jahrestags Verlei-hung des Stadtrechts an Tettnang1 – war das Torschloss, in dem das Museum genauso wie das Stadtarchiv untergebracht sind, vollstän-dig renoviert, die Ausstellung neu organi-siert worden. Damals hieß das Museum noch „Montfort-Museum“, benannt nach jenem Grafengeschlecht, das zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert Tettnang regiert und die Stadtentwicklung maßgeblich gestaltet, ja, überhaupt erst initiiert hatte. Zur Umbenen-|Albert Kümmel-Schnur28ZEITARBEITIn Kooperation mit:Schuld und SchuldenBeteiligte: Dr. Albert Kümmel-Schnur, Dr. Florian Schneider, Studierende des Studiengangs Literatur-Kunst-Medien Kurzbeschreibung: Das Seminar erforscht die Geschichte der zeitlebens hoch verschuldeten Grafen Montfort, ihrer Münzfälschungen und der Rückkehr ganzer Landstriche im Südwesten Deutschlands zur Tauschwirtschaft infolge des Verbots der Montforter Münzen. Zu den Ausstellungsobjekten vor Ort zählen nicht nur die inkriminierten Münzen, sondern auch ein Inflationsschrank der Bäckerinnung von 1925 sowie das Sparbuch des letzten Montforter Grafen von 1975. Unsere Ausstellung wird Teil der Neugestaltung der Dauerausstellung des Tettnanger Museums sein, darf also auf eine gewisse Nachhaltigkeit hoffen. Besonderheit des Projektes ist, dass es in direktem Austausch mit den Bürger*innen von Tettnang entwickelt wird (co- creation) und einem bestimmten methodischen Prozess unterliegt (design thinking). Kontakt: Dr. Albert Kümmel-Schnur albert.kuemmel-schnur@uni-konstanz.de TransferleistungEs geht nicht nur um eine Ausstellung, sondern die Belebung eines Museums. Damit versucht das Projekt modellhaft ein zentrales Problem der Museenlandschaft anzugehen: wie können kleine Museen heutzutage überleben? Wie können sie ihre Geschichten so erzählen, dass auch jüngere Besucherinnen und Besucher ihnen gern zuhören? Studierende lernen mit Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam ein Projekt zu entwickeln, statt den Kooperationspartner nur als ‚Standort‘ zu betrachten. MotivationStudierende können von kleineren Museen mehr lernen als von größeren, da ihre Tätigkeit hier viel dringender benötigt wird. Ein ganzes Museum neu gestalten zu dürfen, ist eine ebenso große wie letztlich hoch befriedigende Aufgabe, da die Ergebnisse der Arbeit deutlich sichtbar sind und die Effekte – z.B. in der Stadt Tettnang – auch ohne Evaluationsverfahren messbar. und die Effekte – z.B. in der Stadt Tettnang – auch ohne Evaluations-verfahren messbar. Erstes Projektposter für den Museumstag an der Universität Konstanz Oktober 2018.Transfer sub specie coronae|29Ausgabe 2/2020nung gab es einen guten Grund: nach mehr-jährigen Renovierungsarbeiten durch das Land Baden-Württemberg wurde 2018 das barocke, sogenannte ‚Neue‘ Schloss wieder eröffnet. Als drittes schließt es die Reihe der Schlösser auf der nur 260 Meter langen Montfortstraße in Tettnang ab: zwischen Torschloss und Neu-em Schloss befindet sich noch der schlichte Renaissancebau des ‚Alten‘ Schlosses, das heu-tige Rathaus. Das ‚Neue‘ Schloss wurde vom Baumeister Christoph Gessinger dem Innen-hof des Versailler Schlosses nachempfunden, 1722 erstmals bezogen, 1728 halbfertig abge-brochen; 1753 brannte es ab, um in der Folge noch prächtiger wieder aufgebaut zu werden. Zurecht gilt es heute als Prunkstück des südwestdeutschen Barocks: Stukkaturen von Joseph Anton Feuchtmayr, Fresken von An-ton Brugger, Gemälde von Vater und Tochter Kauffmann. Die Ausstellung im ersten Stock des Neuen Schlosses widmet sich naheliegen-derweise der Geschichte der Montforter Grafen. Und wiewohl die Tettnanger Stadt-geschichte ohne die Grafen Montfort nicht zu schreiben ist, sind zwei, den Montforter gewidmete Museen dann wohl doch eines zuviel. Also ei-n i g t e man sich auf die Formel einer Geschichte von oben und unten, der Geschichte der Herrscher und der der Bürgerinnen und Bürger, zu sehen in zwei Museen.Allerdings war mit der Umbenennung besten-falls der erste Schritt getan – die Ausstellung kann dieses Versprechen nicht einlösen.2 In buntem Sammelsurium enthält sie, was Stadt-museen so enthalten: einen Mammutzahn und ein Eisenbahnmodell, Ölgemälde, Zeichnun-gen und Stiche, oft in schlechtem Zustand, unklar in der Herkunft und oftmals auch im dargestellten Gegenstand – was etwa macht dieser Indianer dort, der suchend von sei-nem Pferd wohl kaum in die Tettnanger End-moränenlandschaft blickt? Votivgaben und sakrale Gerätschaften, Hinterlassenschaften des Klosters Langnau. Eine Büste des expres-sionistischen Dichters Arnold Ulitz, der sich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Tettnang niederließ. Eine Puppenstube und ein Aschenbecher für die Zigarren der Mit-glieder des Tettnanger Gemeinderats.Schon dieser kursorische Überblick zeigt: aus diesen Artefakten eine konsistente Geschichte zu konstruieren, verlangt ein hohes Maß an Chuzpe. Aber mindestens eines erzählerischen Anlasses bedarf so ein Unterfangen dann doch. Und den fand ich in meinem ersten Besuch: die Montforter Grafen konnten nie so recht mit Geld umgehen, spätes-tens im 16. Jahrhundert, unter Ulrich IX., dessen prunkvolle Kunstkam-mer noch heute in Wien zu bewun-dern ist, waren die gräflichen Finan-zen wohl unrettbar ruiniert. Und so etwas wie eine ‚schwarze Null‘ war de-finitiv kein Ziel gräflicher Finanzpoli-tik. Stattdessen nutzte man schon früh das Münzrecht und übte sich – wie ja viele andere auch – in der Herstellung minderwertiger Münzen. Die Mont-forter Grafen brachten diese Kunst auf einen einsamen Höhepunkt: unter dem barocken Herrscher Anton III. von Montfort wurden etwa sechzig Das Torschloss, in dem das Tettnanger Stadtmuseum untergebracht ist.|Albert Kümmel-Schnur30ZEITARBEITMillionen Kreuzer in nur sieben Jahren ge-prägt. Die Montforter Münze in Langenargen stand keinen Tag mehr still: „zusammen mit den in den vorausgegangenen 25 Jahren pro-duzierten Mengen dieser Münzsorte“ brach-ten sie „den Zahlungsverkehr in ganz Süd-deutschland zum Erliegen“3. Den Konstanzer Ratsschilling ließ Anton III. auch – vielleicht auch daraufhin, um wieder um ein wertvolles Zahlungsmittel zu verfügen – fälschen. Das ist doch eine Geschichte, aus der man was machen kann! Ein echter Hollywoodstoff: ein raffinierter Verschwender, der die Wirtschaft aus Prunksucht ruiniert und dabei noch den Ast absägt, auf dem er sitzt.4 Das klingt auch allzu vertraut: die Herrschaft haut die Kohle raus und wir dürfen die Zeche zahlen. Erin-nerungen an den Finanzskandal von 2008 werden wach… Abstrakter formuliert handelt es sich um eine Geschichte von „Schuld und Schulden“. Und, so gewendet, lassen sich dann doch viele im Museum befindliche Objekte thematisch binden: Schuldnerketten, Notgeld, das Sparbuch der vom letzten Grafen, Anton IV., ins Leben gerufenen Armenstiftung, ein Schrank der Bäckerinnung von 1925, in dessen Innenseite dem Herrgott für die Bewahrung vor den schädlichen Folgen der Inflation von 1923 gedankt wird.5So kann man arbeiten: das Mu-seum ist dabei, die Stadt Tett-nang engagiert sich ebenfalls, die inhaltliche Arbeit kann ich mit Studierenden der Universität machen, für die gestalterische Arbeit wird Karin Kaiser, Professorin für Kommunikationsdesign an der HTWG, die dritte im Bunde, gewonnen. Ein Seminar an der Universität im Wintersemester 2019/20 soll die inhaltliche Vorbereitung leisten, im Fol-gesemester dann die praktische Arbeit als Ko-operation zwischen Universität und HTWG erbracht werden. Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung wird für September 2020 ge-plant: ambitioniert, aber machbar. Außerdem werden – Partner vier und fünf – beide Hoch-schultheater gewonnen, die als Parallelaktion Shakespeares um Schuld und Schulden sich drehendes Drama „Der Kaufmann von Vene-dig“ in Tettnang und Konstanz aufführen wollen. Es finden sich dann, das sei nur noch fix am Rande vermerkt, das philharmonische Quartett der Südwestdeutschen Philharmonie und das Tettnanger Harfenorchester als Mit-wirkende bei der Shakespeare-Inszenierung. All in all also: ein wirklich großes Projekt mit viel Potential. Ich lasse im Maßstab 1:20 Holz-modelle der Räumlichkeiten des Museums bauen. Damit sol-len die Studierenden dann in gemischten Arbeits gruppen je einen Raum des Museums gestal ten. Sogar eine Möglich-k e i t , Das neue Schloss.Transfer sub specie coronae|31Ausgabe 2/2020jeder Gruppe einen eigenen Arbeitsraum, in dem von Woche zu Woche einfach alles stehen und liegen bleiben kann, zu sichern, wird – freilich außerhalb der Seminarräume der beteiligten Hochschulen – gefunden. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Durch-führung des Projektes könnten besser nicht sein. Und dann das…KrisensitzungAnfang März mehren sich die Anzeichen, dass es wohl Einschränkungen im kommenden Se-mester geben wird. In einer Krisensitzung zie-hen wir die Notbremse – noch ist zwar nicht klar, dass das Semester insgesamt zum virtuel-len werden wird und der Campus zur No-go-Area, aber die Unabsehbarkeit selbst absehba-rer Einschränkungen, die schiere Unsicherheit und Unplanbarkeit aller Vorhaben über den Tag hinaus sind so mas-siv, dass w i r seriöserweise das Projekt nicht angehen kön-nen. Während am Museum – im Hinterland – noch relativ erwartungsfroh agiert wird, schließt im grenznahen Konstanz die Univer-sität – als erste in Deutschland! – vollständig ihre Tore und lässt die Eingänge durch einen Sicherheitsdienst bewachen. Die Lage an der im Vergleich zur lokalen Universität deutlich kleineren HTWG bleibt etwas länger unsicher. Die Hochschultheater sind ohnehin abhängige Einrichtungen der jeweiligen Hochschule.Allein die verschiedenen Handlungslogiken der Partner setzen das erste Gebot jedes Trans-ferprojektes in der Lehre außer Kraft, das man mit drei Schlagworten umreißen könnte: Er-wartungssicherheit, Planbarkeit, Verbindlich-keit. So blieb zunächst ein „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“. Die Projektvorstellung an der HTWG am 19. März fällt aus, kurz darauf ist klar: beide Hochschulen werden geschlos-sen. Wie und ob das Semester stattfinden soll, bleibt unklar. Eine bundesweite Petition wirbt für ein ‚Null-Semester‘ mit dem Hauptziel, Erleichterungen für diejenigen zu schaf-fen, die ein Distanzstudium unter ver-schärften Bedingungen – sei es aus familiären oder ökonomischen oder, auch das sei mal gesagt, schlicht technischen Gründen – einfach nicht leisten können.6 Dass diese Petition keine Chance hat, ist eigentlich schnell klar. Zu unbeirrbar ist die Leistungs-fixierung des deutschen Bil-dungssystems, als dass es, was jede Lerntheorie von den Dächern pfeift, auf sich selbst anzuwenden in der Lage wäre: hin und wie der mal eine Pause machen.An die Stelle eines groß an-gelegten Kooperationspro-Dekorative Anordnung von Hieb-, Stich- und Schusswaffen. Dazwischen ein asiatischer Säbel und ein Reiterkürass. Die Vitrinen davor enthalten Pistolen.|Albert Kümmel-Schnur32ZEITARBEITjek tes mit ho-hem Praxisbe-zug und großen Trans-ferangeboten traten nun also die Anforderung eines Lernens in Distanz und Homeoffice. Das bedeutet ja nicht nur das Entfallen des direk-ten Umgangs mit dem externen Partner sowie der großzügigen medialen Erweiterung akad-emischer Schreibtischtätigkeit durch andere Aktivitäten, es bedeutet nicht nur den Weg-fall einer unmittelbaren Beziehung zwischen Lehrendem und Lernenden, sondern auch der Begegnung der Lernenden untereinander. Für gewöhnlich bedeutet der Beginn eines Semesters auch die Kon-stitution einer Gruppe, die nun vier Monate lang gemeinsam arbeiten soll. Und selbst wenn man auch Kleingruppenarbeit in der Distanz für möglich und denk-bar hält, so findet sich unter not-gedrungen anderen Bedingungen statt, wenn die potentiellen Gruppen-mitglieder sich nicht einmal für ein einzelnes Kick-off-Meeting persönlich face-to-face be-gegnen dürfen. Das Mehrangebot wechsel-seitiger Sichtbarkeit in der Videokonferenz ist trügerisch: bedeutet es ja gerade nicht eine Berei cherung kommunikativer Kanäle, sondern das visuelle Überspielen einer extremen Verarmung. Unsere erlernte Fixierung auf den Sehsinn simuliert einen ausreichenden Kontakt, sobald man wechselseitig füreinander im Bild ist oder, wie es bei Captain Kirk heißen würde „auf dem Schirm“. Tatsächlich aber können die Spannungen, Inten-sitäten und atmosphärischen Gefühlsvek-toren, die ganz selbstverständlich die Räume persönlicher Begegnung und Kom-munikation wesentlich prägen, im Virtuellen gar nicht entstehen.Was also bleibt? Der hohle Schall monadischer Singularitäten? Oder öffnen sich auch uner-wartete Möglichkeiten?Auf ins Virtuelle 1: Die TheorieKeine Sorge, aber auch nicht zu früh gefreut: wie alle Formen menschlicher Kommunika-tion, so ist auch die digitale Lehre weder so richtig Fisch noch Fleisch, wenn sie etwas er-setzen muss, was sie kat‘exochen nicht ersetzen kann. In diesem Fall: den persönlichen Um-gang Anwesender. Und das, was ich zu sagen habe, sind keine abschließenden Bewertungen aus kühler Distanz, sondern ein Werkstattbe-Oben: Bildergalerie in Petersbur-ger Hängung. Provenienz und Gegenstand vieler Gemälde sind unklar.Unten: Diverse Montforter MünzenTransfer sub specie coronae|33Ausgabe 2/2020richt, eine Sammlung momentan gemachter Erfahrungen.Ich bin überzeugt, dass Lernen eine multisen-sorielle und deshalb auch didaktisch am besten multimedial zu adressierende Aktivität ist. Ganz zu schweigen davon, dass Lernen immer auch eine soziale Situation in einer Konstella-tion aus An- und Abwesenden7 ist. Das heißt, die Frage der Wochenzeitung Die Zeit, ob denn Online-Unterricht auch nach Corona fort-bestehen solle, ist einfach falsch gestellt. Unter den Zwangsbedingungen kontakteinschrän-kender Maßnahmen kann Online-Lehre gar nicht richtig eingesetzt und entwickelt werden, weil sie ein Versprechen, das noch aus der Frühzeit digitaler Vernetzung, der neunzehn-hundertneunziger Jahre nämlich, stammt, einzulösen vorgeben muss: sie sei ein vollgül-tiger Ersatz für Anwesenheit bzw. verbessere deren Qualität jenseits des akademischen und nicht-akademischen Klassenzimmers sogar.8Das heißt, unter den derzeitigen Bedingun-gen findet nicht nur Präsenzlehre unter An-wesenden nicht statt, sondern auch digital-basiertes asynchrones wie synchrones Lernen und Lehren kann sein echtes Potential nicht entfalten, weil es ohne gezieltes Konzept als scheinbar ‚alternativlose‘ (und da versprach man uns doch, dieses Wort habe mit den Coronamaßnahmen ausgedient, ganz so, als paukten diese Maßnahmen selbst es nicht unbarmherzig durch…) Not- und So-fortlösung allen, die momentan institutionell gebunden lernen und lehren, aufgezwungen wird. Digitale Lern-Lehr-Räume hätten Besseres verdient.Online zu lernen, ist grundsätz-lich weder besser noch schlechter als anwesend zu lernen – es adres-siert einfach nur andere Kanäle und verlangt nach einer im besten Fall holistischen Einbindung. Solche Gesamtkonzepte fehlen aber, wenn nicht in der Theorie, so doch in der Anwendung. Was gerade überdeutlich wird, ist ja die nahezu wilhelminische Vorsintflutlichkeit der alltägli-chen Praxis (nicht der hochschuldidaktischen Konzepte wohlgemerkt!) des Lernens und Lehrens in unseren ‚höheren Bildungsanstal-ten‘9.1872 formulierte Friedrich Nietzsche: „Ein redender Mund und sehr viele Ohren, mit halbsoviel schreibenden Händen – das ist der äußerliche akademische Apparat, das ist die in Tätigkeit gesetzte Bildungsmaschine der Universität. Im übrigen ist der Inhaber dieses Mundes von den Besitzern der vielen Ohren getrennt und unabhängig: und diese doppelte Selbständigkeit preist man mit Hochgefühl als akademische Freiheit.“10 Dieser Diagnose muss man auch heute nicht viel hinzufügen.11Erhellend und, wie ich finde, unfreiwillig zu­treffend ist die Serie von vier Fotografien, die den Artikel „Digitale Schule: In Dänemark ist die Kreidezeit längst vorbei“ von Ulrich Halasz, Chefreporter des Ratgebermaga-zins aktiv12, illustriert. Auf vier Bildern sehen wir Schulsituationen, die sich in nichts, aber auch gar nichts, von den Karikaturen ein-fallslosester Paukinstitutionen unterschei-det: Lernende haben feste Plätze und sind auf Bewegungslosigkeit verpflichtet. Nur der Lehrende darf sich frei im Raum bewegen. Die Lernenden haben eine Blickrichtung vor-geschrieben – nach vorn, zum Lehrenden, zur Tafel (die in diesem Fall ein ‚Smartboard‘ ist, aber funktional gar keinen Unterschied zum ach so geschmähten grün lackierten Brett, das man mit Kreide beschreibt, aufweist). Der Lehrende hingegen darf auch schon mal hinter den Lernenden erscheinen und ihnen über die Schultern schauen.13 Es sollte sich mal jemand trauen, hinter‘s, Verzeihung, „Pult“ zu treten. Lernende sitzen selbstverständlich. Sie schau-en jetzt nicht mehr in Hefte oder Bücher, son-dern auf Bildschirme. Den Schüler*innen die-ser vorgeblichen Vorzeigesituationen bleiben die – ebenfalls nicht so brandneuen – Formen minimalistischer Dissidenz: die Laptops sind mit bunten Aufklebern verziert, die Haare dür-fen auch mal Rastalocken sein. Erstaunlicher-weise wird auch noch die digital divide, die ja vor allem eine ökonomische Distinktionsmarke ist, in einer Bildunterschrift gepriesen: „Ohne tragbaren Computer können die Schüler weder am Unterricht teilnehmen noch einen Schulab-schluss machen.“ Brave new world!Was man wirklich aus dem Alltag des Internets lernen könnte, wären allerdings nicht in erster Linie Technologien, sondern, wie Lernen dort funktioniert. Das hat mit Digitalität gar nichts zu tun, hat aber, denke ich, im Netz deshalb einen guten Nährboden gefunden, weil hier lange Zeit Räume waren, die aus technologischen Gründen die klassischen Unterrichtssituationen, ihre Rol-lenverteilungen, Kontrollmodi und Diszipli-nartechniken hinter sich ließen. Was man unter digital learning pathways versteht, ist eigentlich ganz einfach. Wer eine Website erstellen will oder ler-nen, wie man Untertitel in ein Video einfügt, liest in der Regel kein Handbuch oder besucht einen VHS-Kurs. Im Normalfall sucht sich diese Per-son aus dem Netz das Wissen zusammen, was sie braucht, um exakt das Problem zu lösen, das sich ihr gerade stellt. Es mag sein, dass man systematisch korrekt zunächst einmal Grund-lagen von Warenkunde und Ernährungslehre durcharbeiten sollte, bevor man beginnt, eine Kartoffelsuppe zu kochen. Die meisten von uns jedoch haben das Kochen einfach so mitlaufend gelernt (oder auch nicht) – durch Zugucken und Mitmachen bei denen, die es schon (mehr oder weniger) können. Und so lernen ja auch unsere An dieser Stelle kann ich nur andeuten, dass die digital learning paths (leider inzwischen be-reits unternehmerisch gekapert und kommer-zialisiert17) nur einen Blick in die weite Welt des Lernens außerhalb und jenseits des in unseren höheren Bildungsanstalten üblichen Unter-richtens darstellt. Vor Jahren faszinierte mich ein Zeitungsartikel über eine Modeschule in Amsterdam (oder war es Gent? Antwer-pen? Ich weiß es nicht mehr). Da erläuterte ein Professor, dass es nicht seine Aufgabe sei, den Studierenden zu erklären, ob sie T-Shirts oder Reifröcke herstellen sollten, sondern ih-nen dabei zu helfen, herauszufinden, ob sie T-Shirts oder Reifröcke machen wollten, um sie dann mit dem entsprechenden know-how „Learning pathway is de-scribed as the chosen route, taken by a learner through a range of (commonly) e-learn-ing activities, which allows them to build knowledge progressively. With learn-ing pathways, the control of choice moves away from the tutor to the learner. ‚The se-quence of intermediate steps from preconceptions to target model form what Scott (1991) and Niedderer and Goldberg (1995) have called a learning pathway.‘“16″Kinder (wenn man sie lässt): sie tun nicht das, was man ihnen sagt, sondern kopieren und adaptieren, was man ihnen vorlebt.14Das Konzept individueller Lernwege ist tatsäch-lich im Kontext von e-learning-Settings entstanden.15Ich zitiere die englischsprachige Wikipedia: zu versehen. Jemand, der T-Shirts macht, muss etwas anderes lernen als jemand, der Reifröcke machen will. Aber – es kommt immer ein Aber! – aber also: der Aufwand für Lehrende sinkt durch diese Bedingungen nicht. Er steigt. Die Beglei-tung individueller Lernwege ist unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum konsequent denkbar. Den-noch finden ‚early adopters‘, wie immer, ihre Wege durch Studien- und Prüfungsord-nungen und die Grauzonen, die allen zur Gestaltung verfügbar sind.Auf ins Virtuelle 2: Die PraxisJa soweit ‚my own theory‘19 … Und die Praxis? Was lässt sich umsetzen? Was gelingt gerade und was bleibt Wunschdenken, ‚Desiderat‘, wie man in Wissenschaftskreisen so gern sagt? Und: welche Überraschungen erlebe ich, was habe ich wirklich nicht erwartet?Mein Setting war folgendes: ich habe alle Teilnehmer*innen des Seminars frühzeitig darüber informiert, was auf sie zukommen würde, in der Absicht, eine unsichere Situation in eine planbare zu überführen. Das betraf den organisatorisch-technischen Rahmen, die In-halte und die Prüfungsbedingungen. Erstaun-lich war für mich bereits in dieser, der ersten Sitzung noch weit vorgelagerten Phase das scheinbare Desinteresse meiner zukünftigen Teilnehmer*innen. Es gab kaum Nachfragen. Diese kamen erst unmittelbar zu Beginn des Semesters – es schien also auch den Studieren-den erst spät klar geworden zu sein, was denn die Implikationen eines rein virtuellen Semes-ters waren.Mein erster Versuch, die Situation produktiv zu machen, war also gescheitert: das kann daran liegen, dass die Studierenden von der Zentrale sehr spät informiert wurden und ihnen deshalb nicht klar war, dass hier noch (ein sich schnell schließender) Raum für (Ver-)Handlungen offen stand. Es kann auch daran liegen, dass Albert Kümmel-Schnur vor der Webcam während einer Videokon-ferenz.„If we want to rethink, lets look at how people in non-educa-tional settings learn and solve problems. At UCL we have been working ever more close-ly with a number of arts and performing organisations and there are interesting lessons to be taken. What if we treat-ed our courses like rehearsals at the English National Opera or The Young Vic – how would we work together with our stu-dents on creating new know-ledge if we worked in a multi-disciplinary team for three or four weeks on solving some of the key issues of our time or of scholarly research?“18″