Transfer-Lehre-Tage 2021

Transfer – aber wohin? Kooperieren in Zeiten von social und physical distancing.

Transfer lebt, das sagt schon der Name, vom Austausch. Dieser findet seinen Reiz darin, Orte und Personen miteinander in Beziehung zu bringen, die unter üblichen Arbeitsbedingungen nicht miteinander in Kontakt kommen. Transfer ist, mit anderen Worten, Beziehungsarbeit, ein Lernen miteinander, ein Blick über Tellerränder und Kirchtürme. Kaum ein Bild visualisiert diese Neugier plus ultra besser als der Holzstich “Wanderer am Weltenrand” eines anonymen Künstlers, der das Werk “Atmosphäre” des französischen Astronomen Camille Flammarion aus dem Jahr 18861 illustrierte.

Ein mittelalterlich gewandeter Mensch mit Wanderstab kniet am Rande eines halbkugelförmigen Himmelsgewölbes, das eine scheibenförmige Erde mit Dörfern, Bergen und einem prominent gesetzten Baum unter dem verwunderten Blick einer gleißend strahlenden Sonne sowie Mond und Sterne zeigt. Er streckt seinen Kopf durch das Gewölbe hindurch und erblickt die Himmelssphären, eine Welt, die dem gewöhnlichen Betrachter im Alltag nicht zugänglich ist: Wolkenbänder, Sphärenringe, Planeten und ein maschinenartiges Objekt. Da guckt jemand buchstäblich über den Rand der ihm bekannten Welt hinaus, sprengt die Blase, die seine alltägliche Wahrnehmung einengte und entdeckt: Unvertrautes, wenngleich doch durchaus in das, was wir uns als mittelalterliches Weltbild so vorstellen, gut Passendes.

So geht es uns zur Zeit: wir meinen nur, uns ins Außen zu strecken und verbleiben doch, mit einem Wort Peter Sloterdijks, im “Weltinnenraum” digitaler Blasen. Von Kachel zu Kachel und Bit zu Bit. Uns fehlt die Reibung des ganz anderen, das doch eben jener Brückenbau, den wir ‘Transfer’ nennen, liefern sollte und das gewährleistet, das ein bisschen mehr ‘Welt’ an den Oberflächen unseres Wissens hängen bleibt.

Was also tun?

Wie arbeiten wir zusammen, wenn das Zusammen allenfalls simuliert ist. Wie kooperiert man mit Simulakren? Oder gibt es doch Wege im Virtuellen, die Fenster öffnen, die nicht wieder im immergleichen digitalen Möglichkeitsraum verbleiben, sondern hinausführen in jene Welt, die wir, so oder so, als physische Wesen leben und beleben?

Genau diese Frage stellt sich die Transfer Lehre Woche im Januar 2021, die ausnahmsweise virtuell stattfinden musste.

>>> Gesamtprogramm zum Download

1. Best Practice

So stellen wir zunächst Beispiele von Projekten vor, die oft vor Corona und den pandemieeindämmenden Maßnahmen begonnen haben, aber dann einen neuen Weg finden mussten, vielleicht sogar sich selbst und ihre Ziele neu zu erfunden gezwungen waren. Und manchmal – so stellt sich dabei heraus – be- und verhinderte Corona. In anderen Fällen führte das Reset jedoch zu überraschenden neuen Antworten, Wegen, Strategien und Lösungen, die ohne die Einschränkung physischer Kontakte gar nicht möglich gewesen wären.

Die Ethnologin Maria Lidola stellt im Gespräch mit Christopher Möllmann ein als klassische Feldforschung geplantes und begonnenes Projekt zur Frage der ‘Heimat’ vor. Es soll als Teil der 2021 in Radolfzell stattfindenden Heimattage Baden-Württemberg in Form einer Ausstellung gezeigt werden.

„Es ist interessant zu sehen, wie wichtig in der heutigen Welt, wo Digitalisierung groß geschrieben wird, die physische und sozial-ökologische Umwelt ist.“

Christopher Möllmann im Gespräch mit Maria Lidola


Posterausstellung

Weitere Projekte können Sie in unserer Postergalerie erkunden: die bunten Welt der LP-Cover, das Berlin der Wendezeit, eine studentische Webserie, Erzählungen am Ende der Lebenszeit und vieles andere mehr.


2. Konzepte und Formate

“Die Auseinandersetzung mit der digitalen Welt findet nicht am PC statt”, sagt der Leiter des Kreismedienzentrums Konstanz Thorsten Rees. Viel wurde, gerade während des ersten Lockdowns über die verpasste Digitalisierung Deutschlands diskutiert und damit meist Hardware und Infrastruktur gemeint: PCs, Laptops, Tablets et cetera für den Schulgebrauch, schnelle Datenautobahnen für das inzwischen klassisch gewordene Format der Videokonferenz. Dabei ging oft verloren, dass die Entscheidung für eine bestimmte Technik Konzepte voraussetzt. Insbesondere die Lehre erfand sich zunächst nicht neu, sondern begnügte sich damit, Defizienz zu verwalten. Dabei gab es von Anfang des ersten Lockdowns an schon reichlich Formate und Möglichkeiten – analoge wie digitale, die in die Ferne wirkten oder eigenständiges Lernen intensiv triggerten. Und manche Formate mussten eben ganz neu entwickelt werden.

„Die Auseinandersetzung mit der digitalisierten Welt findet nicht am PC statt.“

Christopher Möllmann im Gespräch mit Thorsten Rees

Der Hackathon, so sagt die Spezialistin Lisa Kuner, ist ein Format, das im Digitalen nur kaum verliert. Isabell Otto und Benjamin Schäfer stellen ein Seminar vor, das in Kooperation mit dem Kreismedienzentrum Konstanz Workshops für Schüler:innen entwickelt. Und das profitiert vom Lockdown – so wurde es erst unter diesem äußeren Zwang zweisemestrig.

Auf eine flächendeckende digitale Alphabetisierung arbeitete der Advanced Data and Information Literacy Track” (ADILT) bereits vor Corona hin. Wer sich in einer digitalen Welt bewegen will, muss ihre Sprache/n beherrschen. Veronika Pöhnl stellt die Eckdaten des Programms vor.


3. Räume

Wenn im Virtuellen von einem “Raum” gesprochen wird, so ist das eigentlich eine Metapher. Virtuelle Räume sind meistens bildschirmflach. Und selbst wenn uns VR-Brillen drei Dimensionen vorgaukeln, bleiben wir doch unbeweglich wie die menschlichen Batterien des dystopischen Science-Fiction-Films “Matrix”, dem wir unter Lockdownbedingungen näher gekommen sind, als wir 1999 (das Jahr, in dem der Film entstand) ahnen konnten. Umgekehrt waren menschliche Behausungen immer schon (hier stimmt das zeitliche Allbegriff ausnahmsweise einmal) Zwitter aus realräumlichen und virtuellen Elementen – philosophischen Kopfgeburten, künstlerischen Fantasieumgebungen vor allem zu religiösen und politischen Zwecken. Wer glaubt, die heutige Welt sei von Bildern überflutet, hat noch nie den Palazzo Pubblico in Siena getreten. Kaum eine Wand ohne Fresko, ohne verwirrende Überfülle farbiger Figuren, Architekturen und Landschaften. Kaum ein Eckchen, das die Betrachtenden nicht in die politischen Regeln und Ideale der Zeit einführte. Jeder Ratsherr im 14. Jahrhundert etwa stand in einer gemalten Mahnrede zur guten Regierung – vielleicht ein visueller Cyberspace, den man auch heutigen Regierungen zumuten sollte.

„Die Bibliothek soll ein Ort der Begegnung in der Forschung und der Lehre sein.“

Christopher Möllmann im Gespräch mit Oliver Kohl-Frey

Räume also sind Konstruktionen aus realen Materialien und den Vorstellungen und Ideen, die diese realen Materialien anordneten und überschrieben. Corona ist also ein Anlass, neu über Räume nachzudenken. Christopher Möllmann diskutiert über die Raumideale der im Zuge der Asbestsanierung neu gestalteten Konstanzer Universitätsbibliothek, die ganz auf die Modulierung von Präsenz angelegt ist, und was davon unter Coronabedingungen bleibt, mit Oliver Kohl-Frey, dem stellvertretenden Bibliotheksdirektor.

Jannik Pfister und Manuel Bernhardt stellen die Pläne neuer Kreativräume, insbesondere eines FabLabs, an der Uni Konstanz vor. Und Simone Strauf, Mitarbeiterin bei der Internationalen Bodenseehochschule und Vorsitzende des Musikvereins Allmannsdorf, stellt gemeinsam mit Andreas Bechtold, Professor für time-based design, die Beethovenbox vor, eine Intervention im realen Raum anlässlich des 250sten Geburtstags des Komponisten Ludwig van Beethoven 2020.


 

4. Kompetenzen

„Wir sind im Digitalen unterwegs, aber nicht dort, wo die Uni uns haben möchte.“

Christopher Möllmann im Gespräch mit Nele Fidler

 

Was muss man denn nun wirklich können, um erfolgreich Lern/Lehrszenarien unter Distanzbedingungen gestalten zu können? Reicht das klassische e-learning schon aus? Sind Vorlesungsvideos der Weisheit letzter Schluss? Erinnert man sich das von Stanford aus um die Welt gehende Format der massive open online courses (MOOCs)? Wie vermittelt man Wissen? Wie bleibt man in Kontakt? Romy Hempfer von der Binational School of Education stellt einen für die Schule entwickelten didaktischen Werkzeugkoffer – Media4Teachers – vor, der auch in der Hochschullehre zum Einsatz kommen könnte. Jonas Sigel, ein Informatikstudent, zeigt, warum Informatikstudierende lieber auf der aus dem gaming stammenden Plattform Discord als in ILIAS- oder Moodle-Foren diskutieren.


5. Über den Tellerrand

‘Internationalisierung’ war ein zentrales Stichwort universitärer Programme vor der Coronakrise. Was bleibt davon, wenn man nicht mehr reisen darf? Entflechtet man sich oder führt die zunehmend alltäglicher empfundene Videokonferenz dazu, dass sich der Austausch noch intensiviert – zumal Videokonferenzen billiger und energetisch unaufwändiger als weite Reisen sind? Aber: gewinnt die Weltkenntnis oder verliert sie? Steigt die Annahme, überall sehe es eigentlich genauso aus wie dort, wo man sich eben grad befindet, nur deshalb, weil der Computer ein homogenisierendes und exklusives Medium ist? Wer keinen hat – weil das Geld fehlt, weil die Infrastruktur fehlt, weil die Kenntnisse fehlen -, kann nicht teilnehmen?

Christopher Möllmann diskutiert mit dem Politologen Michael Zürn, Direktor der Abteilung „Global Governance“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor für Internationale Beziehungen an der FU Berlin. Filipa Gonçalves stellt das neue europäische Hochschulnetzwerk ERUA vor.

„Erfolg oder Nichterfolg im Umgang mit der Krise hängt vom Verhältnis von Wissenschaft und Politik ab.“

Christopher Möllmann im Gespräch mit Michael Zürn