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2019-11-15

„Ich mag Männer mit Bärten und Schwertern“ Eindrücke aus dem Ausstellungsprojekt NIBELUNGEN. Mythos, Kitsch, Kult (2007-2009)

„Ich mag Männer mit Bärten und Schwertern“, antwortete ein Student auf die Frage, warum er dieses Projektseminar zur Nibelungenrezeption mit Ausstellung in Königswinter besuche. „Guter Start“, antwortete ich, „Damit können wir arbeiten. Sie können ja gleich mal gucken, seit wann Hagen von Tronje mit Bart und warum Siegfried eigentlich immer bartlos dargestellt wird.“ „Da bin ich dabei“, kam prompt die Antwort.
 
Nibelungenrezeption ist ein sperriges Thema. Aber in Königswinter drängt es sich geradezu auf – im Trachyt, dem Stein, aus dem der Kölner Dom gebaut ist, befindet sich dragins loch, eine Felsspalte, deren Namen schon die Staufer nicht mehr auf den Stein, sondern auf einen Drachen bezogen, weshalb sie ihre hoch über dem Rhein stehende Burg ‘Drachenburg’ nannten. Nun muss nur noch Siegfried dazukommen, um die Verknüpfung mit dem Nibelungenstoff herzustellen. Siegfried brauchte noch ein paar Jahrhunderte für die Anreise, die gemeinsam mit englischen Rheinreisenden stattfand. Am Anfang der Erfindung des romantischen Rheins steht also auch der Umzug des blonden Recken – oder, wie sein biedermeierlicher Übersetzer Karl Simrock phallokratisch schreiben würde, „Degens“ - in die rechtsrheinische Kleinstadt. Simrock selbst trug neben der bis heute populärsten Übersetzung des Nibelungenliedes auch einen Wein zum Thema bei – das Drachenblut. Ein in Bonn geborener, in Paris zu Reichtum gekommener Bankier, Stephan (von) Sarter, ließ sich ein Stück unterhalb des Stauferschlosses, mittlerweile Ruine, eine burgartige Villa mit einem Herrenzimmer, das in eleganter historistischer Malerei der Münchener Akademie Szenen aus der Nibelungensage zeigt, bauen. Er zog nie ein, sein Schloss wurde unbewohnt Museum, danach Adolf-Hitler-Schule (da kamen dann noch kleine skandinavisch anmutende Holzhäuschen im Park dazu, die bis heute Namen wie ‘Tristan’ oder ‘Isolde’ tragen), dann zogen amerikanische Soldaten ein, die Teile der auf Leinwand gemalten Wandbilder ausschnitten – hier einen Hund, dort ein hübsches Blumenbukett -, um sie als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Als die Amerikaner gingen, verfiel das Schloss und wurde im Volksmund zur ‘Rattenburg’, die das Land NRW abreißen lassen wollte, hätte nicht ein Mann, den auch Tim Burton oder David Lynch nicht besser hätten erfinden können, namens Paul Spinat das Anwesen gekauft. Er ließ sich gern in weißer Admiralsuniform im goldenen Rolls Royce durch die Stadt kutschieren, gab Konzerte auf einer überdimensionalen Papporgel, die er extra zu diesem Behufe einbauen ließ (die Musik kam vom Tonband), veranstaltete Parties, auf denen auch Andy Warhol gesichtet wurde und ließ die Fehlstellen der Wandgemälde durch zwei ungelenk pinselnde Erstsemester der Düsseldorfer Kunstakademie übermalen – dankenswerterweise haben diese Ergänzungen die späteren Restaurierungsarbeiten überlebt. Nähert man sich der Stadt kommt man an der Nibelungenhalle des völkischen Malers Hermann Hendrich vorbei. Der hatte 1913 auf 12 großformatige Ölgemälden, die Kaiser Wilhelm II. nicht einmal geschenkt haben wollte, die Nibelungentetralogie Richard Wagners illustriert. So nahm der Maler die Ausstellung in einer eigens dafür gebauten Weihehalle selbst in die Hand. Er hatte bereits Übung darin: der Nibelungenhalle voraus gingen vergleichbare Projekte – die Walpurgishalle in Thale (1901) und die Sagenhalle in Schreiberhau (1903) – voraus. Im Dritten Reich wurde die Halle um eine Drachenhöhle mit einem 13 Meter langen Betondrachen des Königswinterer Bildhauers Franz Josef Krings. Aus der Hand des nämlichen Künstlers stammt auch der Nagelsiegfried in der Loggia des Königswinterer Rathauses, ein aus Sicht der Intention, den weichen Volkskörper in gemeinschaftlicher Aktion zum metallisch wehrhaften Leib werden zu lassen und nebenbei Spenden für die Durchführung des Ersten Weltkriegs zu sammeln, dysfunktionales Werk – der Drache vielfach durchbohrt durch nagelnde Bürger, der unverletzliche Körper Siegfrieds jedoch nur am Knie von einem einzigen Nagel getroffen. Marlies Blumenthal, heutige Eigentümerin der Nibelungenhalle, tat in Hendrichs Weihestätte ein Übriges, indem sie die Hallenausstattung ergänzte durch einen Blechdrachen aus einem Wirtshaus der 1920er Jahre, den wir sehr zur Freude des Museumsdirektors als Leihgabe für unsere Ausstellung entleihen konnten, und ein Schwert im Amboß, das zwar einer ganz anderen Sage entsprungen ist, aber egal. Den Kindern, so liest von begeisterten Touristen auf tripadvisor, gefällt’s. Frau Blumenthal begrüßte im Verlauf des Projektes Studierende aus ihrer unter der Halle gelegenen Wohnung - „Willkommen in der Hobbit-Höhle!“ Rechts und links des Treppenabgangs fanden sich Käfige mit Kleinnagern – Futter für den in der Nachkriegszeit angebauten „Drachenzoo“, eine Reptiliensammlung, die am Ende auch eine als ‘Nibelungenschatz’ bezeichnete Spendenbox bewachende Vogelspinne umfasst.
 
Im Herzen der Altstadt dann das Siebengebirgsmuseum. Dessen Direktor Elmar Scheuren hatte Peter Glasner (Mediävist, Universität Bonn) und mich eingeladen zu einem Rundgang durch’s nibelungische Königswinter. Die allseitige Begeisterung führte zum unmittelbaren Beschluss, ein gemeinsames Ausstellungsprojekt durchzuführen. Inhaltlich legte man Richard Wagners „Ring“ als historische Schnittstelle fest, auf die sich die beiden, die Ausstellung vorbereitenden Seminare hinbewegten – das Bonner Seminar arbeitete sich vom Sagengrund der Völkerwanderungszeit ins neunzehnte Jahrhundert, die Konstanzer Veranstaltung thematisierte die Gegenwart der Nibelungen in Pop, Trash und Fantasy rückwärts. Eine gemeinsame Arbeitswoche in Haus Annaberg bei Bonn erschloss den Studierenden beider Universitäten unter tätiger Mithilfe des Korrepetitors der Bonner Oper und eines, den Siegmund singenden Heldentenors das komplexe Musikdrama Wagners und legte außerdem gestalterische Richtlinien für die Ausstellung fest. An dieser Stelle ist anzumerken, dass Ausstellungsarchitektur und Ausstellungsmedien samt und sonders von Studierenden beider Universitäten ohne professionelle gestalterische Unterstützung konzipiert und hergestellt wurden. Dieses Vorgehen war möglich, weil von vonrherein in beiden Seminaren TeilnehmerInnen auf ihre außeruniversitären Aktivitäten und Fähigkeiten hin befragt wurden und entsprechend dieser Aufgaben in der Ausstellung übernehmen konnten und wollten. Außerdem konnte das Projekt auf die aktive Unterstützung durch TeilnehmerInnen des studentischen Fernsehprojektes Campus-TV der Universität Konstanz sowie Freiwillige wie etwa den Königswinterer Systemadministrator Klaus Sieben als auch die Mitarbeiterin des Museums, Dr. Helga Stoverock, setzen. Technisch wurde die Gruppe darüber hinaus durch Daniel Klinkhammer aus der Arbeitsgruppe Mensch-Computer-Interaktion der Universität Konstanz (Leitung: Prof. Dr. Harald Reiterer) unterstützt.
 
Eine ganz entscheidende Lehre aus dem Erfolg dieser trotz ihrer Vielfältigkeit und Diversität sehr stabilen Arbeitsgruppe ist, dass er weniger auf organisatorische oder gestalterische Professionalität, auf sogenanntem ‘Projektmanagement’ basierte – es gab viel Chaos, viel wurde improvisiert –, sondern sondern auf der hohen Motivation und Einsatzbereitschaft, getragen von persönlicher Wertschätzung und Anerkennung, jedes und jeder einzelnen Teilnehmenden, die zu einer Atmosphäre der Identifikation mit dem Projekt führten. Man könnte diese Atmosphäre auch schlicht und treffend „Gute Laune“ nennen. Diese gute Laune hatte allerdings auch ihren Grund in der guten Vernetzung der studentischen Arbeitsgruppen je vor Ort. Vielen kannten einander schon aus anderen Zusammenhängen und waren privat befreundet. Das galt übrigens auch für die drei Projektleiter: auch diese verbanden z.T. Jahrelange Freundschaften und gemeinsame Projekte. Das schafft eine Vertrauensbasis, ohne die ein so aufwändiges Großprojekt wohl kaum möglich gewesen wäre.
 
 
In Konstanz gab es überdies den Zusammenhalt unter den Studierenden vor dem Hintergrund des neuartigen Bachelorstudiengangs Literatur-Kunst-Medien, der viele überhaupt erst nach Konstanz gebracht hatte und in seiner Anfangsphase starken Wandlungen und Anpassungen sowohl strukturell als auch von den Inhalten her ausgesetzt war. Improvisation und Offenheit, das habe ich über die Jahre gelernt, sind gute Gedeihensbedingungen für Lehrprojekte mit externen Partnern, denn diese Situation macht aus eher passiven Konsumenten vorgefertigter Inhalte aktiver Gestalterinnen und Gestalter. Jede und jeder ist eingeladen, mitzumachen und wird in ihren/seinen Beiträgen gewertschätzt und gebraucht. Das setzt auch eine sehr offene Haltung auf Dozierendenseite voraus. Man muss Gruppenmeinungen und -entscheidungen akzeptieren und respektieren lernen. Und man braucht die Fähigkeit, Projekte in keiner ihrer Phasen einfach als ‘abgeschlossen’ zu betrachten, sondern sollte versuchen, jede Krise eben als krisis – als neue Wendung und Wandlung –, nicht als Katastrophe zu deuten. Lebendig sein heisst wohl, sich in Dauerkrise zu befinden. Und das ist gut so.
 
Dauerkrise verlangt jedoch auch nach Dauerprozessen der Bearbeitung. Die wichtigste Arbeitseinheit war die Kleingruppe von 2 bis 5 Studierenden. Nachdem man sich das Thema global erarbeitet hatte, traf die Gesamtgruppe (Bonn und Konstanz) die Entscheidung, als Basis der Gestaltung eine Marktmetapher zu benutzen: Rezeptionsgeschichte als Shopping Mall war das Stichwort. Diese generative Metapher war in einem sehr harten Gruppenprozess erarbeitet worden. Die Ernsthaftigkeit, Intensität und Spannungsgeladenheit der Diskussionen, die schließlich einen Konsens hervorbrachten, waren wohl ebenfalls entscheidend für den Projekterfolg. Jede und jeder hatte an der Entscheidung für das Ganze mitgearbeitet, mit Argumenten, Ideen, Visionen und viel, viel Leidenschaft gekämpft. Diese Auseinandersetzung moderierte gleichzeitig den notwendigen Prozess der Zusammenführung der aufgrund der räumlichen Trennung bislang eher unabhängig voneinander arbeitenden Gruppen in Bonn und Konstanz. Das Bild der Shopping Mall ermöglichte nun die weitere Untergliederung in thematische Arbeitsgruppen: in einem Reisebüro wurden nibelungisch geprägte Reiseorte und Festivals vorgestellt, ein Architekturbüro zeigte architektonische Nibelungenprojekte v.a. der Vergangenheit, ein von einer Simrockbüste gekrönter Nibelungenbrunnen säuselte in heimeligem Biedermeier vom erfolgreichsten Übersetzungsprojekt, ein Theater zeigte Ausschnitte aus Nibelungenaufführungen, eine Galerie präsentierte Kunst zu Nibelungenthemen als Postkarten, eine Nibelungenkneipe lud dazu ein, sich seine eigene nibelungische Fantasymischung mittels echter Zapfanlage, die als physikalisches Interface zu einer Bildschirmdarstellung eines füllbaren Bierkruges (cum Datenbank) fungierte, zu zapfen, ein trashiges Internetcafé bot einerseits von Gunters Wurst von der Wilden Sau bis zu Siegfrieds Dolch allerhand im Internet Bestellbares, das Besuchende selbst zusammenstellen konnten und anderersits manches politisch Schmuddelige aus dem rechten Rand der Nibelungenrezeption. Neben diesem Einblick in die randständige politische Aktualität stand noch ein über eine Treppe zu erreichender Speicher zur Verfügung, der vor allem militärische Propaganda von den sogenannten ‘Befreiungskriegen’ bis zur Stalingradrede Hermann Görings („Blut sollt Ihr trinken…“) zeigte. Im Ausstellungsverlauf gab gerade dieser Bereich immer wieder Gelegenheit zu intensiven Auseinandersetzungen mit BesucherInnen – es gab durchaus Gruppen, die sich recht unkritisch zu dieser problematischen Form der Nutzung des Nibelungenstoffes stellte.
 
Die Bearbeitung von Themen wie ‘Nibelungentourismus’ bedeutete für die Studierenden aber auch eigene Forschungstätigkeit. Die bloße Reproduktion bereits publizierter Thesen wäre hier gar nicht möglich gewesen, da wir uns auf Gebiete wagten, die noch weiße Flecken auf der Karte waren. Diese Ergebnisse selbst wiederum in einem Begleitband – und zwar Seit und Seit mit renommierten FachwissenschaftlerInnen – zu publizieren, trug dazu bei, dass diese Veranstaltung lang bevor Peter Glasner oder ich das Stichwort vom ‘forschenden Lernen’ erstmals lasen zum ‘forschenden Lernen’ im ganz emphatischen Sinne gezählt werden konnte. Weiteres Forschungsmaterial wurde großzügigerweise von einem Sammler von Nibelungennippes – Bierhumpen, Kartenspiele, Pornofilme, Nippesfiguren, Computerspiele – aus Weimar verfügbar gemacht. Letztlich hat das Projekt weit mehr Material zutage gefördert, als im Rahmen des Projektes bearbeitet werden konnte. Das ist eine Erfahrung, die ich häufiger in vergleichbaren Projekten gemacht habe. Und darin besteht auch die Chance der Kooperation mit privaten Sammlungen oder kleinen Museen – hier ist vieles noch nicht erfasst, geschweige denn erforscht oder oft auch nur geordnet.
 
Unter der Federführung von Peter Glasner wurde ein Begleitbuch zur Ausstellung erstellt, das Studierenden die Möglichkeit gab, die Ergebnisse ihrer Recherchen zu publizieren. Dabei war die Idee von Herrn Glasner sehr gut, FachwissenschaftlerInnen zu bitten, Seit an Seit mit Studierenden zu publizieren. Das ermöglichte einerseits, die Kontingenzen solcher Projekte und studentischen Interessen abzufedern und einen konsistenten Band zu erstellen. Andererseits forderte die Konfrontation mit den ‘Profis’ die Studierenden heraus, selbst gute Texte zu schreiben. Oder gute Bildstrecken zu liefern – was auch machen taten. Das beliebteste Ausstellungsstück war wohl ein 3 Minuten-Video, das den Nibelungenstoff mit Legomännchen zusammenfasste und im Buch als Comic aus Videostills publiziert wurde.
 
Zwei Universitäten, drei Studiengänge, drei Museen, eine Sammlung, drei Semester Vorbereitung, 20 Monate Ausstellungsdauer – ein Lehrprojekt der Superlative. Es wurde für diese exzeptionelle Leistung auch mit dem Innovationspreis der Universität Bonn ausgezeichnet – 2000 Euro, die das Projekt zu einem ausgiebigen Nachtreffen der Gruppe am Ort des Verbrechens und einer großen gemeinsamen Feier genutzt hat. Kurz zusammengefasst könnte man sagen: wie aus einem Übersetzungsfehler Mythos, Kitsch und Kult am romantischen Rhein wurde und wie aus dem, was vom Feste Anfang des 21. Jahrhunderts übrig blieb, ein mustergültiges Lehrprojekt entstand.
 
 
Beteiligte:
 
Prof. Dr.Albert Kümmel-Schnur, Universität Konstanz, Studiengang Literatur-Kunst-Medien
Prof. Dr. Harald Reiterer, Universität Konstanz, Studiengang Information Engineering
Dr. Peter Glasner, Universität Bonn, Studiengang Ältere Deutsche Literaturwissenschaft
Elmar Scheuren, Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter
Dr. Helga Stoverock, Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter
Klaus Sieben, freier Mitarbeiter Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter
Marlies Blumenthal, Nibelungenhalle in Königswinter
Schloss Drachenburg, Königswinter
Sammlung Grünenberg, Weimar
 
Ergebnisse:
 
[font=OpenSymbol]–[font=Times New Roman]        [/font][/font]20monatige Ausstellung an drei Orten in Königswinter
[font=OpenSymbol]–[font=Times New Roman]        [/font][/font]ein dreihundertseitiges Begleitbuch zur Ausstellung mit studentischen und nicht-studentischen Beiträgen

http://archiv.7gm.de/nibelungen/index.html

Admin - 10:12:28 | Kommentar hinzufügen

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